Zum Glossar

Dissoziierte Vertikaldeviation (DVD)

Die dissoziierte Vertikaldeviation (kurz DVD) ist eine besondere Form der Augenfehlstellung, bei der ein Auge unwillkürlich nach oben abweicht. Dieses Höhertreten zeigt sich typischerweise dann, wenn das betroffene Auge nicht aktiv zum Sehen genutzt wird, etwa beim Abdecken oder bei Müdigkeit. Die DVD ist eine der häufigsten vertikalen Schielformen im Kindesalter.

Was passiert bei einer DVD?

Bei der DVD driftet ein Auge langsam nach oben und dreht sich dabei leicht nach aussen. Wird das Auge wieder „eingeschaltet", zum Beispiel durch Entfernen der Abdeckung, kehrt es langsam in seine normale Position zurück. Typisch für die DVD ist, dass sie beide Augen betreffen kann, oft aber asymmetrisch, also auf einer Seite stärker ausgeprägt ist als auf der anderen.

Im Unterschied zu anderen vertikalen Schielformen gehorcht die DVD nicht den üblichen Gesetzen der Augenmotorik: Das Partnerauge bewegt sich nicht gegenläufig nach unten (wie es bei einer „echten" Höhenabweichung der Fall wäre).

Ursachen einer dissoziierten Vertikaldeviation

Die genaue Ursache ist nicht vollständig geklärt. Man weiss jedoch:

  • Die DVD tritt häufig gemeinsam mit frühkindlichem Schielen (infantiler Esotropie) auf.
  • Sie wird auch in Verbindung mit Nystagmus beobachtet.
  • Sie entsteht durch eine Reifungsstörung im beidäugigen Sehen. Das Gehirn kann die Bilder beider Augen nicht vollständig zusammenführen.
  • Die DVD zeigt sich meist im Alter von 2 bis 5 Jahren, kann aber auch erst später auffallen.

Symptome und Erkennung

  • Ein Auge „wandert" sichtbar nach oben, besonders bei Unaufmerksamkeit, Müdigkeit oder Tagträumen.
  • Eltern bemerken oft, dass das Auge ihres Kindes zeitweise „wegdriftet".
  • Die Abweichung kann unterschiedlich stark sein: von kaum sichtbar bis deutlich auffällig.
  • Kinder berichten in der Regel nicht über Doppelbilder, da das Gehirn das abweichende Bild unterdrückt.

Begleitende Probleme

  • Amblyopie (Sehschwäche): Das abweichende Auge kann eine Sehschwäche entwickeln, wenn es nicht gleichmässig zum Sehen genutzt wird.
  • Andere Schielformen: DVD tritt selten isoliert auf; häufig bestehen gleichzeitig eine Esotropie oder ein Nystagmus.
  • Kosmetische Beeinträchtigung: Das sichtbare Höhertreten kann für das Kind oder die Familie belastend sein.

Diagnose

Die Diagnose erfolgt durch die Kinderaugenärztin oder den Kinderaugenarzt mittels spezieller Abdecktests. Beim sogenannten alternierenden Abdecktest wird beobachtet, ob ein Auge beim Aufdecken von oben herunterkommt. Zusätzlich werden Sehschärfe, Brechkraft und die Gesamtbeweglichkeit der Augen untersucht.

Behandlung

Beobachtung

Eine milde DVD ohne wesentliche kosmetische Beeinträchtigung oder Amblyopie erfordert nicht unbedingt eine Behandlung. Regelmässige Kontrollen sind jedoch wichtig.

Amblyopiebehandlung

Besteht eine begleitende Sehschwäche, wird diese, unabhängig von der DVD, mit Brille und/oder Abkleben (Okklusion) behandelt.

Augenmuskeloperation

Bei auffälliger DVD ist eine Operation an den Augenmuskeln die einzige wirksame Behandlung. Dabei wird in der Regel der obere gerade Augenmuskel (Musculus rectus superior) geschwächt, um das Höhertreten zu vermindern. Die Operation kann an einem oder beiden Augen durchgeführt werden.

Wichtig: Augenübungen oder Sehtraining können eine DVD nicht korrigieren. Die Ursache liegt in der fehlerhaften Verarbeitung im Gehirn, nicht in einer Muskelschwäche, die sich trainieren liesse.

Was Eltern wissen sollten

  • Eine DVD ist nicht gefährlich, kann aber auf eine Störung des beidäugigen Sehens hinweisen.
  • Regelmässige augenärztliche Kontrollen helfen, eine begleitende Amblyopie frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
  • Die Entscheidung zur Operation hängt vom Ausmass der Abweichung und den individuellen Beschwerden ab.