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Abduzensparese (VI. Hirnnervenparese)

Die Abduzensparese ist eine Lähmung des sechsten Hirnnervs (Nervus abducens), der den äusseren geraden Augenmuskel (Musculus rectus lateralis) steuert. Dieser Muskel ist dafür verantwortlich, das Auge nach aussen zu bewegen. Fällt er aus, kann das betroffene Auge nicht mehr zur Seite blicken – es entsteht ein Einwärtsschielen und häufig störende Doppelbilder. Die Abduzensparese ist die häufigste isolierte Hirnnervenlähmung am Auge.

Funktion des Nervus abducens

Der VI. Hirnnerv hat unter den augenbewegenden Nerven den längsten Verlauf innerhalb des Schädels. Er entspringt im Hirnstamm und zieht bis zur Augenhöhle, wo er ausschliesslich den Musculus rectus lateralis versorgt. Genau dieser lange Weg macht ihn besonders anfällig für Schädigungen durch Druck, Entzündungen oder Durchblutungsstörungen.

Symptome

  • Doppelbilder: Typisch sind horizontal nebeneinanderliegende Doppelbilder, die beim Blick zur betroffenen Seite zunehmen und beim Blick zur Gegenseite verschwinden.
  • Kopfzwangshaltung: Viele Betroffene drehen den Kopf unwillkürlich zur Seite des gelähmten Auges, um die Doppelbilder zu vermeiden.
  • Einwärtsschielen: Das betroffene Auge steht in Geradeausblickposition nach innen, weil der Gegenmuskel (Musculus rectus medialis) überwiegt.
  • Eingeschränkte Seitwärtsbewegung: Das Auge lässt sich nicht oder nur unvollständig nach aussen drehen.

Bei Kindern kann sich eine Abduzensparese durch Schielen oder eine auffällige Kopfdrehung äussern, ohne dass das Kind über Doppelbilder klagt – kleine Kinder unterdrücken das Bild des betroffenen Auges häufig unbewusst.

Ursachen

Bei Erwachsenen

  • Durchblutungsstörungen: Bei älteren Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck oder Arteriosklerose ist eine vaskuläre Ursache am häufigsten.
  • Tumoren: Raumforderungen im Gehirn können den Nerv auf seinem langen Verlauf komprimieren.
  • Erhöhter Hirndruck: Da der Nerv besonders empfindlich auf Druckveränderungen reagiert, kann erhöhter Hirndruck jeder Ursache eine Abduzensparese auslösen.
  • Entzündungen und Infektionen: Multiple Sklerose, Meningitis oder andere entzündliche Prozesse kommen in Frage.
  • Trauma: Schädelverletzungen können den Nerv direkt beschädigen.

Bei Kindern

  • Angeboren: Manche Kinder kommen mit einer Abduzensparese zur Welt, manchmal in Verbindung mit dem Duane Syndrom oder dem Möbius-Syndrom.
  • Nach Infektionen: Bei Kindern kann eine Abduzensparese nach viralen Infekten auftreten und bildet sich dann oft innerhalb von Wochen spontan zurück.
  • Erhöhter Hirndruck: Auch bei Kindern ist erhöhter Hirndruck eine wichtige Ursache, die ausgeschlossen werden muss.
  • Tumoren: Insbesondere Tumoren der hinteren Schädelgrube können bei Kindern eine Abduzensparese verursachen.

Diagnostik

Die Abklärung einer Abduzensparese umfasst:

  • Augenärztliche Untersuchung: Prüfung der Augenbeweglichkeit in allen Blickrichtungen, Messung des Schielwinkels und Beurteilung der Doppelbilder
  • Neurologische Untersuchung: Überprüfung weiterer Hirnnerven und neurologischer Funktionen
  • Bildgebung: In der Regel wird ein MRI (Magnetresonanztomographie) des Kopfes durchgeführt, um Tumoren, Entzündungen oder Gefässveränderungen auszuschliessen
  • Blutuntersuchungen: Zum Ausschluss von Diabetes, Entzündungsmarkern oder Infektionskrankheiten

Bei Kindern ist eine zügige Abklärung besonders wichtig, da eine Abduzensparese auf eine ernsthafte Grunderkrankung hinweisen kann.

Behandlung

Behandlung der Grunderkrankung

Der wichtigste Schritt ist die Identifikation und Behandlung der Ursache. Liegt beispielsweise ein Tumor oder eine Entzündung vor, richtet sich die Therapie danach.

Symptomatische Massnahmen

  • Abkleben eines Auges: Bei störenden Doppelbildern kann vorübergehend ein Auge abgedeckt werden.
  • Prismenfolien oder Prismengläser: Spezielle optische Hilfsmittel können die Doppelbilder ausgleichen, solange die Lähmung besteht.
  • Botulinumtoxin-Injektion: In manchen Fällen wird der Gegenmuskel (Musculus rectus medialis) mit Botulinumtoxin geschwächt, um eine Verkürzung dieses Muskels zu verhindern.

Operation

Wenn sich die Abduzensparese nach sechs bis zwölf Monaten nicht ausreichend zurückbildet und die Fehlstellung stabil bleibt, kann eine Schieloperation erwogen werden. Dabei wird die Muskelspannung chirurgisch korrigiert, um die Augen wieder auszurichten.

Prognose

Die Aussichten hängen stark von der Ursache ab. Vaskulär bedingte Paresen bei Erwachsenen erholen sich häufig innerhalb von drei bis sechs Monaten. Auch bei Kindern nach Infektionen ist die Prognose in der Regel günstig. Bei strukturellen Ursachen wie Tumoren hängt der Verlauf von der zugrunde liegenden Erkrankung ab.

Wann sollten Sie einen Augenarzt aufsuchen?

Eine neu aufgetretene Abduzensparese – erkennbar an plötzlichen Doppelbildern, Einwärtsschielen oder einer Kopfzwangshaltung – erfordert eine zeitnahe ärztliche Abklärung. Bei Kindern sollte jede Form von plötzlichem Schielen ernst genommen und umgehend untersucht werden.